Caput II

Guten Abend, Spielmann

Die Caminata war zum Bersten mit Menschen gefüllt. Natürlich hätte sich der große Rittersaal im Palas besser für einen Auftritt der Spielleute geeignet. Aber da nur zwei oder drei fahrende Ritter in der Burg ihr Winterquartier bezogen hatten, brannte im der Ofen des Rittersaals kein Feuer. Die Eiseskälte versprach noch härter zu werden, so nahm man an. Und die Holzvorräte waren begrenzt. Also hatte man nur das Wohnzimmer in der Caminata beheizt, das sonst dem engsten Familienkreis des Burgherren vorbehalten blieb. Da es jedoch der einzige weitere beheizbare Raum in der Festung war – vom Herd in der Küche und der Feuerstelle in der burgeigenen Schmiede einmal abgesehen – hatte Graf Roland eine Ausnahme gemacht. An diesem Abend durften nicht nur die Ritter auf mitgebrachten Holzbänken in der Caminata Platz nehmen, sondern auch der Marschall mit seinen Pferdeknechten und das Gesinde. 

Die Fenster waren mit Holzläden gegen den eisigen Frost und den schneidenden Wintersturmwind verschlossen. Auf schweren Leuchtern flackerten Talgkerzen, im Kaminofen prasselte ein wärmendes Holzfeuer. Lorenz hatte sich in eine Decke gewickelt und zu Füßen seines Vaters niedergelassen, der in seinem hölzernen Lehnsessel die beste Sicht auf die Gaukler hatte.

Die Spielleute hatten den Bereich vor dem geräumigen Erker als Bühne mit Beschlag belegt. Auf den Bänken, die die Erkerwände säumten, lagen allerlei Gerätschaften, dazwischen der Dudelsack, den der Spielmann im Burghof verwendet hatte, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Daneben bemerkte Lorenz vielerlei weitere Instrumente, die er nicht kannte. Immerhin konnte er eine Art Laute erkennen, eine Trommel, eine kleine Harfe und eine Fidel. Außerdem lag ein merkwürdiger Holzkasten mit Tasten und einer Kurbel auf einem Schemel.

Der weißbärtige Musikant hatte statt des dunklen Wollmantels eine ärmellose Schecke mit blauen Streifen an, deren Ränder mit silbernen Seidenbordüren bestickt waren. Darunter trug er ein kariertes Hemd, das nach neuester Mode eng geschnitten war und am Schulteransatz in weiße Puffärmel auslief. Seine dunkelblaue Hose mündete in rehbraune Lederstiefel.

Ein Geraune und Getuschel ging durch die Zuhörerschar. Jeder wartete gespannt auf die Neuigkeiten, die der Spielmann zu verkünden hatte, und auf die Lieder und Geschichten, die sie zu hören bekämen.

Das Publikum verstummte, als der Musiker auf einer riesigen Trommel einen lang andauernden, an den Nerven zerrenden Wirbel zu schlagen begann, der unvermittelt abriss. Die einsetzende Stille war fast körperlich spürbar.

Einem Irrwisch gleich schoss der zweite Vagant, der nicht größer als Lorenz war, durch die Eingangstür in die Caminata. Er lief nicht und sprang nicht. Nein, er hatte Anlauf genommen und unter einem Aufschrei der Anwesenden wirbelte er sich mit fünf, sechs Saltos und Handstandüberschlägen auf Graf Roland zu.

Er kam vor dem Burgherrn zum Stillstand, beugte Knie und Kopf und streckte beide Arme, wie zur Begrüßung, weit von sich. In den Händen, die in weißen Handschuhen steckten, hielt die kleine Gestalt Jonglierkeulen.

Der Spielmann trug ein farbenfrohes, venezianisches Kostüm. Ockerfarbene und schwarze Rauten zierten eine eng anliegende Jacke. Die dazu passende dunkelrote Strickhose mündete in ledernen Schuhen mit kurzen Schnäbeln. Eine mit wunderbaren Blumenmustern, Monden und Sternen bemalte Maske aus Venedig verbarg vollständig sein Gesicht. Das Haar des Gauklers war ebenfalls nicht zu sehen. Sein Haupt bedeckte eine Harlekinmütze mit zwei Zipfeln, an denen jeweils ein Glöckchen baumelte. Das Gewand war über und über mit bunten Schleifen verziert.

Anselm von Hagenau hatte inzwischen die Trommel zur Seite gelegt und zu einem lautenartigen Instrument mit flachem Korpus gegriffen. Er stimmte die Saiten und griff einen volltönenden Akkord. In der rechten Hand hielt er einen Federkiel, mit dem er die Saiten anschlug. Es erklang ein treibender Rhythmus, während der Spielmann mit seiner sonoren Stimme deklamierte:

»Werte Noble, gepriesene Damen, geachtete Edelleute und auch Bürger niederen Standes! Höret die Dichtung aus der Feder eines edlen Troubadours. Guillaume von Machaut, der große Sänger aus der Provence, reiste, wie Ihr Hochwohlgeborenen wisset, wie ein rollender Stein von Fürstenhaus zu Fürstenhaus. Er hat seine Kunst den nobelsten Kaisern und Königen gesungen. Mit seinem Gönner Johann von Luxemburg, dem Monarchen von Böhmen, hat er weite Lande bereist. Gewidmet und zugeeignet hat er das folgende Lied in hoher Minne einer honorablen, schönen Fraue.«

Der Vagant begann, in provenzalischer Sprache, zu singen: 

»Douce dame jolie,
Pour dieu ne pensés mie
Que nulle ait signorie
Seur moy fors vous seulement.«

Anselm bemerkte an einigen fragenden Gesichtern im Publikum, dass nicht alle Zuhörer die Worte verstanden und wechselte ins Fränkische: 

»Schöne holde Dame.
Denkt um Himmels willen nicht,
Dass irgendeine andere Frau
Au
ßer Euch allein Macht über mich habe.

Für immer und ewig habe ich Euch
Jeden Tag meines Lebens
Demütig gedient, ohne auch nur
Einen einzigen niedrigen Gedanken zu hegen.
Ach, wenn Ihr kein Mitleid
Mit mir habt, bin ich aller Hoffnung
Und Hilfe beraubt,
Und all meine Freude ist dahin.
Aber meine schöne, holde Dame
Eure sanfte Herrschaft über mein Herz
Ist so stark und meine Liebe zu Euch
Peinigt mich.
Sie begehrt nichts anderes, als
Von Euch beherrscht zu werden,
Obgleich Euer Herz
Mir keine Erhörung gewährt.

Und da Ihr, meine schöne holde Dame,
Meine Krankheit überhaupt nicht heilt,
Sondern Euch an meinen Seelenqualen
Labt und Euer Herz mich vergisst,
Erflehe ich händeringend,
Dass es mich bald töten möge,
Denn viel zu lange schon
Habe ich geschmachtet.«

Tosender Applaus ertönte, als Anselm geendet hatte. Der Einstieg war geschickt gewählt, denn Lieder des französischen Troubadours Guillaume de Machaut erfreuten sich seit Jahren beim Publikum großer Beliebtheit und waren Erfolgsgaranten. Der kleine Künstler hatte, während der Spielmann sein Gesangsstück vortrug, meisterlich mit den bunt bemalten, hölzernen Keulen jongliert und gleichzeitig zu der treibenden Melodie getanzt. 

Lorenz bewunderte die Körperbeherrschung des Gauklers und die Leichtigkeit, mit der er seine Kunststücke vollführte. Die Vermummung und die Maske verliehen dem akrobatischen Tanz etwas Geheimnisvolles, Unheimliches. Lorenz fragte sich, wer sich hinter der Larve verbergen mochte? Ein hässlicher Gnom? Ein Aussätziger? Oder ein Kobold? Wenn man bedachte, wie der Musiker in der Gegend herumsprang ...

Als der Beifall verklungen war, griff der venezianisch gewandete Vagant zu einer Knieharfe und ließ sich damit auf einem Schemel nieder. Inzwischen hatte Anselm von Hagenau die Laute beiseitegelegt. Er stellte sich vor den gespannten Zuhörern in Positur und hob an: »Lasset Euch verkünden, liebreizende Damen, hohe Herren, die Aventiure von edlen Recken und Regenten. Ein Lied von echter Freundschaft und von Verrat, von Ritterlichkeit und wahrem Heldenmut.«

Anselm gab dem Venezianer ein Handzeichen und dieser begann, seiner Harfe eine perlende Melodie zu entlocken. Das Publikum hing mucksmäuschenstill an Anselms Lippen. Der stimmte, begleitet von hypnotisierendem Harfenspiel, in wohlgesetzten Versen seine Erzählung an: 

»So höret denn, was uns der Pfaffe Konrad im Auftrag Mathildes, der Gemahlin Heinrichs des Löwen, aus der französischen Zunge erst ins Lateinische und dann in unsere Sprache übersetzt hat. Vernehmet die Mär von Karl dem Großen, und seinen Hofrittern, in Sonderheit des berühmten Roland de Bretagne: 

Schöpfer aller Dinge,
Kaiser aller Könige
Und Du, Hohepriester,
Lehre Du mich selbst deine Wahrheit.
Erfülle Du mich mit dem Heiligen Geiste,
Dass ich die Lüge meide und die Wahrheit schreibe
Von einem edlen Mann, davon,
Wie er das Himmelreich gewann.
Es handelt sich um Kaiser Karl ...«

Ganz schön gescheit, dachte Lorenz, der sofort die Gedichtzeilen aus dem beliebten Rolandslied erkannt hatte. Der Spielmann wollte seinem Vater schmeicheln, dem Namensvetter des legendären Recken.

Nach der Einleitung des Liedes und gebührendem Lob des großen Kaisers Karl übersprang der Musiker geschickt einige langweiligere Abschnitte der endlosen Versdichtung und ging zu dem spannenderen Teil der Handlung über. Er erzählte, dass der Sarazenenkönig Marsilius von Saragossa Kaiser Karl zum Schein angeboten hatte, sich zu unterwerfen und zum Christentum überzutreten. Ganelon, der Schwager des Kaisers, riet ihm, das Angebot anzunehmen. Aber Karls Neffe Roland begehrte, weiterzukämpfen. Roland beleidigte seinen Stiefvater Ganelon, der daraufhin auf Rache sann. Heimlich suchte Ganelon Marsilius auf und bezeichnete Roland als Kriegstreiber. Er überredete den König, die Nachhut des abziehenden fränkischen Heeres mit einer Übermacht von Kriegern zu überfallen. Der Befehlshaber dieser Nachhut jedoch war Roland. Als Roland mit seinen Rittern in einen Hinterhalt des Königs Marsilius geraten war, wollte Rolands Freund Olivier, dass der Recke mithilfe seines Signalhorns Olifant das vorausgezogene Heer Kaiser Karls zur Hilfe hole. Doch ganz der stolze Ritter lehnte Roland das ab und stürzte sich stattdessen mit seinem Schwert Durandal in den Kampf gegen die Übermacht der Sarazenen. Erst als fast alle seiner Getreuen gefallen waren, rief Roland die kaiserlichen Truppen zu Hilfe. Kaiser Karl und seine Krieger schlugen zwar die Heiden vernichtend, aber für den tapferen Roland und seine Kämpen kam die Hilfe zu spät.

Als der Spielmann seinen Vortrag beendet hatte, war es mäuschenstill in der Caminata, und Lorenz hörte deutlich, wie Hannah sich schnäuzte. Sie hatte nah am Wasser gebaut. Zwar kannte sie wie jeder andere den Ausgang der Legende, doch die Mär über den Tod des kühnen Ritters und seines Gefährten Olivier ging ihr jedes Mal sehr ans Gemüt. Vor allem, wenn sie von einem Meister seines Fachs mit ausdrucksstarken Betonungen und lebhafter Gestik dargeboten wurde.

Er ging schon auf Mitternacht, als die Geschichte verklungen war. Der Vagant bat um einen Trunk und bekam roten Wein aus einer Messingkaraffe in seinen Becher kredenzt. Er befeuchtete die Kehle und griff zur Laute. Diesmal schlug er keinen treibenden Akkordrhythmus auf den Saiten, sondern zupfte sie mit großer Kunstfertigkeit und ließ Klänge von größter Harmonie ertönen.

Der maskierte Spielmann nahm den Kurbelkasten, setzte sich auf den Hocker und legte sich das merkwürdige Instrument auf den Schoß. Er befestigte den Kasten an beiden Seiten mit einem Gurt, den er an den Hüften entlang um seinen Rücken führte. Vorne und oben auf dem Deckel hatte der ansonsten unscheinbare Kasten mit geschnitzten Rosetten verzierte Schalllöcher und am vorderen oberen Rand eine Reihe von Tasten.

Als der größere Musiker zur Laute zu singen begann, legte der kleine Spielmann die Linke auf den Kastenrand und drückte die Tasten, während seine rechte Hand die Kurbel drehte.

Es erscholl ein feiner Klang, wie von einer Geige, die im Dauertonakkord erklang. Dazu ertönte eine wunderschöne Melodie. Lorenz war völlig hingerissen. Er lauschte und gaffte mit offenem Munde.

Anselm von Hagenau sang ein Lied, das allen aus der Seele sprach, die das Ende der grimmig kalten Jahreszeit herbeisehnten:

»Auf dem Berg und in dem Tal
Hebet an der Vogelschall,
Dies Jahr wie früher grünt der Klee.
Mach dich fort, Winter, du tust weh!

Die Bäume, die da standen grau,
Voll Vögel sind neue Zweige.
Das tut wohl in der weiten Au.
Der Mai spielt die erste Geige.«

So trug der Spielmann ein Lied des Minnesängers Neidhart von Reuental vor, das zwar Hoffnung auf das bald kommende Frühjahr und das allerorten aufblühende Leben machte, aber auch den endlosen Kreislauf des Lebens und Vergehens besang:

»Ein’ Alte mit dem Tode rang,
Bei Tag und Nacht betrogen.
Die seither
Wie ein Böcklein sprang
Und stie
ß die Jung’n zu Boden.«

Es herrschte einen Moment atemlose Stille im Saale, als die beiden Musiker endeten, doch dann ertönte wiederum donnernder Applaus.

 Lorenz musste bei der letzten Strophe des Maienliedes an seine Mutter denken, die vor vielen Jahren gestorben war. Tränen traten in seine Augen. Auch sein Vater machte ein nachdenkliches und trauriges Gesicht.

»Vater«, flüsterte Lorenz, »ich will Spielmann werden!«

Die Reaktion auf diese Ankündigung kam prompt. Roland von Rabenhorst lief rot an. Eine Zornesader schwoll auf seiner Stirn. Heftiger, als er es wollte, raunzte er seinen Sohn an: »Was willst du? Ein Spielmann werden? Du gedenkst also ein Gaukler zu werden, ein fahrender Geselle, der heute nicht weiß, was er morgen zu fressen in den Hals stecken soll! Ha! Du wirst Ritter und damit Schluss. Und ich will keine Einwände hören! Sobald der erste Krokus sich seinen Weg durch den Schnee bricht, wirst du anfangen, das Tjosten mit der Lanze zu erlernen! Auf dass du ein ebenso stolzer Recke werdest wie der tapfere Roland, der Hofritter des großen Charlemagne.«

Genau, dachte Lorenz trotzig, und dabei werde ich abgemurkst wie alle furchtlosen Helden in den Liedern.

Er hatte wieder einmal den wunden Punkt berührt. Lorenz war das einzige Kind derer von Rabenhorst. Seine Mutter war nach seiner Geburt gestorben. Der Junge war ein Einzelkind geblieben. Lorenz’ Vater hatte seine Gattin sehr geliebt und konnte sich nicht vorstellen, jemals eine andere Gefährtin zu erwählen. Und weil Lorenz sein einziger Sohn war, hatte er es nicht übers Herz gebracht, ihn mit sieben Jahren zur ritterlichen Ausbildung auf die Burg eines befreundeten Edelmannes zu senden, wie es für Fürstensöhne üblich war. Stattdessen hatte der Graf Lorenz’ Unterweisung zum Knappen selbst in die Hand genommen. Roland von Rabenhorst stellte immer wieder geeignete Lehrer ein, die seinem Sprössling Lesen, Schreiben, Rechnen und Latein beibrachten.

Von den sieben zu erlernenden ritterlichen Künsten hingegen, den septem artes probitates, mochte Lorenz allerdings nur eine gefallen, die der Verskunst. Mit Bogenschießen, Schwimmen, Fechten und Jagen hatte er so seine Probleme. Allenfalls am Schachspiel und am Reiten vermochte er Geschmack zu finden. Lorenz hatte oft mit seinem Vater darüber gestritten und hätte sich denken können, wie der Graf auf seinen Wunsch, Minnesänger zu werden, reagieren würde. 

»Schlag dir bloß die Minnesingerei aus dem Kopf!«, fuhr Roland von Rabenhorst mit seiner Standpauke fort. »Du wirst noch erkennen, welche Genugtuung es ist, ein ehrenhafter Held zu sein. Man kann mit der Waffenübung nicht früh genug anfangen. In diesem Jänner wirst du vierzehn Jahre alt. Langsam wird es Zeit, nicht nur über Versen zu sitzen und die lateinische und französische Sprache zu üben, sondern etwas Praktisches, Handfestes zu erlernen. Aber maintenant: ab in die Schlafgemächer, mein Lieber!« Der Tonfall seines Vaters duldete keine Widerrede.

Lorenz erhob sich gehorsam und trollte sich in Richtung Bett.

Von wegen Ritter, sagte er zu sich selbst, ich will Spielmann werden – aber vorher will ich wissen, wer sich hinter der venezianischen Maske verbirgt!

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Quellennachweis:

"Douce Dame" (Public Domain)
Hochdeutsche Übertragung: Helga Röse. Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

"Schöpfer aller Dinge, Kaiser aller Könige" (Einleitung zum Rolandslied)
Hochdeutsche Übertragung: Prof. Dr. Dieter Kartschoke. Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Autors.

"Auf dem Berg und in dem Tal" (Neidhart von Reuental)
Hochdeutsche Übertragung: Dr. Astrid Lamprecht. Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.