Caput I

Erbarmen! Musikanten sind auf der Burg

Das gesellschaftliche Leben rings im Land war zum Erliegen gekommen, bleierner Winterschlaf hatte die Bewohner der Burgen und Dörfer gelähmt. Klirrend kalter Frost hielt seit dem Wintermond das gesamte Reich mit eisiger Faust umklammert. Bereits im Oktober hatte man die ersten Kältevorboten spüren können. Felder und Wälder des kleinen Lehens Rabenhorst waren morgens mit Raureif überzogen. Nun war es Dezember. Eine dicke Neuschneedecke hatte sich über die Grafschaft, das Rabenthal und den Rabenhorstberg gelegt. In der Ferne ertönte das einsame, hungrige Krächzen jenes schwarzgefiederten Vogels, der das Wappen derer von Rabenhorst zierte, seit die Familie das Lehensgut vom Bamberger Erzbischof erhalten hatte. Die Rabenhorsts gehörten zu den verarmten Landadligen, denen ihre Scholle eher schlecht als recht die tägliche Hirse und das Korn für ihr Brot lieferte. Zu steinig waren die Äcker, nahezu unfruchtbar die Fluren. Jetzt, im Winter, zeigte der zugefrorene Rabenfluss wie zum Hohn mehr Eis, als er im Sommer jemals Wasser führte.

Ein bitterkalter Wind zog durch die Fenster des Palas, der Caminata und des Burgfrieds, von dessen kreisrundem Dachrand armdicke Eiszapfen wie Drachenzähne herunterhingen. Langsam stieg im Osten die fahle Wintersonne hinter den Höhenzügen der Fränkischen Alb empor und kitzelte Lorenz von Rabenhorst wach. Gut geschlafen hatte der Junge nicht, zu sehr war die Eiseskälte zwischen die Winterbettdecke aus Fell und den strohgefüllten Leinensack seines Lagers gekrochen. Das Verhängen der Burgfenster brachte allenfalls eine geringe Linderung der Kälte, und nur in dem großen Wohnraum brannte ein wärmendes Holzfeuer. Der Feuerstelle und seinem Kaminsystem verdankte das gräfliche Familienhaus seinen Namen, Caminata.

Lorenz schüttelte den Kopf, um die Schläfrigkeit zu verscheuchen. Er fuhr sich mit allen zehn Fingern durch den dichten, schwarz gelockten Haarschopf und sprang von seinem Nachtlager auf. Er lauschte auf vertraute Geräusche, die in seine Kammer drangen, Anzeichen, dass die meisten Burgbewohner bereits auf den Beinen waren und ihrem Tagewerk nachgingen. Es mochte bereits gegen die achte Stunde gehen. Im Winter standen die Menschen spät auf.

Aus dem hölzernen Waschzuber nahm Lorenz ein klammes, nahezu gefrorenes Leinentuch und rieb sein Antlitz damit ab. Brrr, das war feucht und ekelhaft kalt. Fröstelnd verzog der Junge das Gesicht. Beim Ausatmen produzierte er Dampfwölkchen. Nachdem er sich die letzten Schlafkörnchen aus den Augenwinkeln gerieben hatte, rannte Lorenz geschwind wie ein Hauskobold die Wendeltreppe bis zum oberen Söller des Burgfrieds hinauf. So wie er es jeden Morgen tat. Vom Ausguck hatte man einen wunderbaren Blick. Fast die gesamte Grafschaft konnte man überblicken, sah Felder und Haine, die bis zum fernen Finsterwald reichten, um den sich geheimnisvolle Märchen und Sagen rankten. Draußen im Westen erstreckte sich, kaum erkennbar unter der dichten Schneedecke, der Weg in Richtung Bamberg. Die Straße schlängelte sich den Rücken des Rabenhorstbergs hinan, ehe er an der Zugbrücke der Burg endete.

Ein schwarzer Punkt bewegte sich entlang des Weges und kam gemächlich näher. Lorenz kniff die Augenlider zusammen, um besser erkennen zu können, wer oder was sich da der Rabenhorstburg näherte. Langsam wurde der Punkt größer, ließen sich Umrisse und Farben unterscheiden. Der Junge traute seinen Augen nicht. Sein Herz machte einen kleinen Freudensprung, als er allmählich ein farbig angemaltes Pferdefuhrwerk ausmachen konnte.

»Gaukler!«, durchfuhr es ihn. »Musikanten, Spielleute, Vaganten!« Das wäre zu schön, um wahr zu sein. »Musiker! Gaukler! Troubadoure!«, schrie Lorenz aufgeregt, während er, sich vor Eifer beinahe überschlagend, die Treppe hinunterfegte. Er schoss durch die Torhalle und rannte nahezu eine Magd über den Haufen, die mit zwei Nachttöpfen bewaffnet auf dem Weg zur Sickergrube war. »Musikanten, Hannah!«, rief Lorenz dem verdattert dreinschauenden Hausmädchen zu, »Spielleute!« Wie vom Beelzebub gejagt schlitterte er durch den gefährlich vereisten Wehrgang, an der Vogtei vorbei zum Burgtor vor der Zugbrücke.


Musikanten, das war für Lorenz ein Zauberwort. Er hatte befürchtet, dass dieser Winter ein trister werde. Denn die Spielleute suchten sich meist schon zeitig im Herbst einen Unterschlupf in der Burg oder dem Schloss eines Gönners. Dort krochen sie für die kalten Wintertage unter, um nicht im Wald, wo sie sommers gern ihr Lager aufschlugen, jämmerlich zu erfrieren. Leider verirrten sich selten Vaganten in das Kastell derer von Rabenhorst, da es abseits von den Hauptreisewegen der fahrenden Ritter und Händler lag.

Doch wenn sie den Weg zur Rabenhorstburg hinauf fanden, wurde es jedes Mal ein Fest für alle Burgbewohner. Endlich hörte man Nachrichten aus fernen Ländern und erfuhr, was in der Welt in den vergangenen Monaten passiert war. Ein Spielmann, der etwas auf sich hielt, vermochte stets die neuesten Heldengedichte vorzutragen. Blutrünstige, gruselige Geschichten von Riesen und Drachentötern, von Kreuzrittern und dem Sultan Saladin. Sie trugen poetische Lieder vor, von ritterlicher Liebe und hoher Minne, berichteten von Artus und seinen Tafelrittern. Sie sangen von Räubern, von Zauberern, Hexen und anderem unheimlichem Gelichter.

Bisweilen brachten die Spielleute Instrumente mit, merkwürdige Geräte mit Saiten, Fell und Firlefanz, denen sie die wundersamsten Klänge entlockten. Der Nachteil an einem Musikantenbesuch war, dass die Vaganten sich gern wochenlang in den gastfreundlichen Burgen einnisteten und den Burgherren die Haare vom Kopf fraßen.

Nicht nur das, die meisten Troubadoure soffen wie die Löcher und wussten einen guten roten Rebensaft so recht zu schätzen. Dabei lockerte sich oft ihre Zunge, was gelegentlich durchaus üble Folgen hatte. Manch scharfzüngiger Sänger hatte schon sein Haupt verloren, weil er sich leichtsinnigerweise nicht als Hofnarr gekleidet hatte, ehe er mit geschliffenen Versen den Edelmann verulkte, dessen Wein er gerade eben noch aus vollen Krügen in sich hineingegossen hatte.

Am Burgtor angelangt sah Lorenz, wie sich der bunt bemalte Pferdewagen ächzend das letzte Stück der steilen Straße bis zur Zugbrücke hinaufquälte.

»Halt! Stehen geblieben!«, rief einer der beiden Torwächter, Bernward vom Bärenfels, ein griesgrämiger, fetter Ritter, der wegen seiner mürrischen Art von allen nur »Bärbeiß« genannt wurde. Der Ruf war überflüssig. Obwohl in Friedenszeiten die Fallbrücke tagsüber meist heruntergelassen blieb, sicherte das Fallgitter vor der Pforte den Eingang. Das Gespann konnte ohnehin nicht weiterfahren.

»Woher des Wegs, und was ist Euer Begehr?«

Die Frage war schroff und obendrein genauso unnötig wie die vorherige. Schließlich wies das farbenfrohe Fuhrwerk die Ankömmlinge schon von weitem als Musikanten oder Gaukler aus. Auf dem Kutschbock saß eine hagere Gestalt, in einen dicken, schwarzen Filzmantel gehüllt. Der Mann hatte einen ebenso schwarzen Wollhut tief in sein wettergegerbtes Gesicht gezogen, das von einem weißen, schütteren Vollbart umrahmt wurde. 

»Mein Name ist Anselm von Hagenau. Zwei fahrende Spielleute sind wir und bieten unsere Dienste dem gnädigen Grafen von Rabenhorst an. Wir wollen der holden Dame und dem Herrn des Hauses gar frohe Kunde bringen und Neuigkeit aus fernen Landen. Auch möchten wir Lieder der hohen Minne kunstfertig darbieten zu Sang und Schnurrpfeiferei.« 

Nie im Leben hätte Lorenz dem mageren Burschen eine so volltönende und wohlklingende Stimme zugetraut.

»Sucht Euch einen anderen Dummen, bei dem Ihr Euch wie die Made durch den Winterspeck fressen könnt! Wir haben selber nicht genug für die kalte Zeit und brauchen keine Mitesser! Und wenn sie noch so vortrefflich singen und pfeifen können!«


Lorenz war fassungslos. Wie konnte dieser ungehobelte Klotz es wagen, die Gaukler zu vertreiben! Er musste etwas unternehmen, und zwar schnell.

Inzwischen näherte sich die pummelige Magd dem Toreingang, nach wie vor mit den vollen Nachttöpfen bewaffnet. Lorenz folgte einer Eingebung und stürmte auf die Dienstmagd zu. Beinahe hätte er sie über den Haufen gerannt, und dann wäre sein schöner Plan vereitelt gewesen. Der Inhalt der Nachtgeschirre schwappte jedenfalls gefährlich. Lorenz gab der Magd keine Chance, sich lautstark über ihn zu beklagen. 

»Liebste, gute, allerbeste Hannah«, flötete er. Lorenz war schon immer ihr Liebling und wusste, dass sie ihm in ihrer Gutmütigkeit nichts abschlüge. »Stell dir vor, Bärbeiß will die Musikanten nicht durchlassen! Du musst mir einfach helfen! Pass auf ...« Verschwörerisch zwinkerte er Hannah mit einem Grinsen zu. Die Magd legte den Kopf schief und beugte sich zu Lorenz hinab, der ihr sein Vorhaben erklärte. Daraufhin ging alles blitzschnell. Ein kurzes Getuschel, ein Anflug von Erheiterung auf Hannahs Gesicht und eine schauspielerische Meisterleistung reihten sich rasch aneinander. Hannah stieß einen markerschütternden Schreckensschrei aus, als sie auf dem vereisten Boden auszurutschen vorgab. Die Nachttöpfe segelten im hohen Bogen ins Genick der beiden Wachtsoldaten.

»Ja Bubenfurz und Feuerteufel!«, fluchte Bärbeiß, der Torwächter, als sich die Bescherung auf seinem Helm und Wams verteilte, während die eisernen Pinkelpötte scheppernd über den Erdboden kreiselten. »So eine verdammte Sauerei!« Harald, der andere Wächter, hatte ebenfalls einen Teil der Ladung abbekommen, trotzdem konnte er sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. »Und wehe, du gibst auch nur ein Grunzen von dir!«, donnerte Bärbeiß ihn an. Mit spitzen Fingern versuchte er, seine Joppe notdürftig von der darüber gekippten Notdurft zu befreien. »Und Ihr, Gaukler, schaut endlich zu, dass Ihr Land gewinnt, sonst hetze ich die gräfliche Hundemeute auf Euch!« Er würdigte den schwarz Gewandeten auf dem Kutschbock keines weiteren Blickes. Mit Harald im Schlepptau stapfte Bärbeiß wütend in Richtung Gesindehaus. »Wir sprechen uns noch, Lorenz von Rabenhorst, ich weiß genau, dass du hinter dieser Schweinerei steckst! Wehe, du rührst dich vom Fleck, ehe ich zurück bin.«

Das hatte Lorenz gar nicht vor. Im Gegenteil. Hannah hatte sich mittlerweile erstaunlich behände aufgerappelt, ihr Gewand zurechtgestrichen und begonnen, den Eismatsch von ihrem Überkleid abzuwischen. »Pfui Deibel, mein ganzes Kleid ist versaut! Dabei habe ich nur das eine! Das kostet dich zwei Wochen Geschirrspülen, mein Lieber!« Hannah bemühte sich um einen finsteren Gesichtsausdruck und zog die Stirne kraus. Allein, so recht wollte es ihr nicht gelingen.

»Jetzt aber schnell, lass uns das Fallgitter hochziehen, ehe der alte Bärbeiß zurückkehrt.« Gemeinsam bewegten Lorenz und Hannah das Kettendrehkreuz. Mit einem vernehmbaren Knarren und lautem Kettengerassel begann sich das Gitter zu heben.

Als der Weg frei war, schnalzte der Spielmann mit der Zunge. »Hüa, meine Ponys!« Seine beiden Pferde zogen an. Der Spielmannswagen rollte durch den Torbogen in den Innenhof der Vorburg. Dort hatte sich allerlei Volk versammelt, um die Ankömmlinge zu beäugen. Der Vagant warf den schwarzen Mantel zurück. Er brachte aus dem Wagen einen Dudelsack zum Vorschein, den er sich unter den linken Arm klemmte. Er blies in das Mundrohr, und die Schweinsblase, an der unterschiedlich lange Rohre baumelten, füllte sich mit Luft. Er drückte einmal kurz auf den Sack, bis die Pfeifen ansprachen. Ein jämmerliches Quäken ertönte, das nur allmählich in ein mehr oder weniger melodisches Dauerjaulen überging. Langsam entwickelte sich ein volltönender Akkord, während der Musikant an den verschiedenen Flöten herumhantierte, um sie zu stimmen. Gemächlich entstand die Melodie einer lebhaften Estampie.

Derweil der Musikus die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf sich zog, näherte sich Lorenz von hinten das Ungemach in Gestalt seines Vaters. »Laurentius von Rabenhorst!«, grollte Markgraf Roland, der seinen Sprössling unsanft am Ohr fasste. »Wie kannst du es wagen, eigenmächtig Fremde in die Burg hereinzulassen?«

Immer, wenn ihn sein alter Herr mit der lateinischen, der »offiziellen« Form seines Namens ansprach, stand Ärger ins Haus. 

»Aber Vater, es sind doch ...«, versuchte Lorenz sich zu verteidigen.

»Kein Aber! Natürlich sind es Gaukler, selbstverständlich sind es Spielleute, und ganz gewiss sind wir dankbar für jede Abwechslung in dieser öden Jahreszeit. Dennoch hast du gegen jegliche Vernunft gehandelt und das Pferdegespann einfach hereingelassen. Was hast du eigentlich von unserem teuer bezahlten Hauslehrer gelernt? Hast du nicht die Geschichte vom listigen Odysseus gehört, der vor der Stadt Troja ein großes Pferd aus Holz aufgebaut hat, in dem sich die griechischen Soldaten versteckt hielten?«

»Aber, Vater ...«

»Schweig! Woher wolltest du denn wissen, dass in diesem Gauklerwagen nicht irgendein schwer bewaffneter Raubritter säße?«

Lorenz senkte beschämt die Augenlider, während sein Vater die Nase rümpfte und sich dem Spielmann zuwandte. »Jedenfalls scheint dieser hier die Leute mit subtileren Mitteln als mit Schwert und Lanze umbringen zu wollen!«

Wie zur Bestätigung gab der Dudelsack einen dissonanten Quietscher von sich, und der Graf verdrehte die Augen: »Erbarmen! Musikanten sind auf der Burg. Dabei haben wir kaum genug zu fressen, um unser eigenes Gesinde durch den Winter zu bringen. Doch wo sie nun schon einmal bei uns sind, so mögen sie auch bleiben.« Dann grinste er und ergänzte: »Übrigens, Bärbeiß sah ganz schön beschissen aus!«

Sprach’s und stapfte über den verschneiten Burghof in Richtung Palas.